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Wutbürger raus! Der NOFV als Beleg für die Antimoderne.

Wenn Ultras, Politik, Medien und selbst Teile des DFB mehr oder minder subtil die Abschaffung bzw. personelle Erneuerung des NOFV in seiner jetzigen Form fordern, dann muss schon ganz schön was schief laufen beim »Ostzonenverband«. Eine kurze Betrachtung vom Rechtshilfekollektiv Chemie Leipzig.

Die »Causa NOFV« scheint kein Ende zu nehmen. Aktuelle Highlights der angry old men geben sich die Klinke in die Hand. Ein medientechnisches Desaster war die vergangene Woche eiligst einberufene Pressenkonferenz am schönen und geschichtsträchtigen Rangsdorfer See, bei der man der Presse kurzerhand das Filmen und Aufnehmen auf Tonband verbot, um bloß keine gerichtsfesten Belege für das eigene Unvermögen zu liefern. Die anvisierte Intention des Pressegesprächs – größtmögliche Transparenz und Aufklärung zu schaffen – war quasi von einem Moment zum nächsten vollkommen futsch. Toppen kann das eigentlich nur die ad hoc eingerichtete »Stelle« des »Antirassismus-Beauftragten« beim NOFV: durch genau den Spielbeobachter, der beim skandalträchtigen Aufeinandertreffen vom SV Babelsberg und Energie Cottbus im April letzten Jahres mit besten Blick die Hitlergrüße, rassistischen Anfeindungen und antisemitischen Schmähgesänge übersah und überhörte und stattdessen das berühmt-berüchtigte »Nazischweine raus« einer Person »mit Punkerhaarschnitt« aus dem Heimblock monierte und letztlich prononciert in die Anklageschrift des hauseigenen Verbandsgerichts brachte.

Der Skandal kam nicht von ungefähr. Mittlerweile berichtet nicht nur die bundesweite, sondern auch die internationale Presse. Überregionale Politik und diverse Antirassismus-Initiativen sind ebenso empört wie jede Menge Fans und Vereine. Selbst die Washington Post ist auf die »Northeast German Soccer Federation« und den »Nazi pigs out«-Ruf aufmerksam geworden und fragt verwundert nach den komischen Prioritätensetzungen des Verbandes. Doch die schlittern von einer Krise in die nächste, machen am Punkt Krisenmanagement eigentlich alles falsch und sind nicht fähig oder willens, die gemachten Fehler – im Rahmen der selbst proklamierten Aufarbeitung und Fehlerkultur – zuzugeben und geradezurücken.

Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht möglich. Ein kulturgeschichtlicher Blick in die Entstehung und Genese des Ostzonenverbandes reicht aus, um zu sehen, dass hier eine krude Mischung aus DDR-Mentalität, Stasi-Expertise und obrigkeitsstaatlichem Denken auf den Konservatismus der Nachwendezeit getroffen ist und eine Art doppelt-reaktionäres Bewusstsein kreiert, ja regelrecht zementiert hat. Durchaus von Interesse wäre eine wissenschaftliche Untersuchung der einzelnen Vitae der Männer mit den weiß-grau-melierten Haaren: egal, ob sie nun Fuchs, Moldenhauer, Milkoreit oder Stumpf heißen. In keinem anderen Sportverband existiert bis heute eine so hohe Verflechtung von informeller Geheimdienstarbeit in der DDR mit einer quasi nicht-existierenden kritischen Aufarbeitung der eigenen Sport- und Verbandsgeschichte. Alte Phrasen, schlechte Herrenwitze und tradierte Lebensweisheiten treffen SED-Kaderdenken und bereitwilligen, christdemokratischen Opportunismus. Mehr Verbohrtheit, Engstirnigkeit und männerbündisches Denken auf engstem Raum ist kaum möglich. So etwas wie Meinungspluralismus oder das Konzept der Diversität sucht man beim NOFV vergeblich. Geradezu karikiert wird es, wenn man sich auf dessen Webseite die Elite der Präsidiumsmitglieder, wahlweise auch des Sicherheits-, Jugend- oder Spielausschusses ansieht. »Alte Männer« wohin das Auge reicht. Bei allem Bewusstsein um Altersdiskriminierung, warum um Gottes Willen sollen gerade diese Typen einschätzen dürfen, was heute »demokratisch legitim«, »moralisch verwerflich« oder strafrechtlich relevant ist? Eine durchaus berechtigte Frage, die neben den betroffenen Fußballfans und bestraften Vereinen vermehrt auch von anderen öffentlichen Institutionen gestellt wird.

Der Kontrollausschuss des DFB zumindest hat sich nun der eigenartigen »Rechtsprechung« des nordostdeutschen Ablegers angenommen. So gar nicht passt das aktuelle, rückwärtsgewandte Agieren des eigenen Provinz-Unterverbandes in das staatsmännische Denken von Grindel, Große-Lefert und Co. Diametral steht es sogar an den Punkten entgegen, die der DFB seit kurzem wieder stark macht: politische »Haltung« in den Kurven, Antirassismus als Verbandsräson und Antidiskriminierung als Standard im Fußballzirkus. Auch für den, erst vor wenigen Wochen vom Bundestag installierten, Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung wäre der NOFV sicherlich ein gefundenes Fressen. Hier zumindest – beim Thema Judenfeindschaft – lassen sich beim NOFV gewisse kontinuierliche Strukturen festmachen. Elemente, die sich am ehesten mit den Begriffen Ignoranz, Unkenntnis, Verdrängung und Verharmlosung beschreiben lassen: klassische Begrifflichkeiten der Antisemitismusforschung, die dafür einst den Begriff des »sekundären Antisemitismus« ins Spiel brachte, um zu erklären, wie sich Abwehrmechanismen gegen Juden modernisiert und weiterentwickelt haben.

Während also – wie neulich bei Chemie – das Ausleeren eines Bierbechers auf dem Spielfeld und das Abbrennen von Pyro mit einem, letztendlich vermutlich, mittleren fünfstelligen Betrag inklusive möglichem Teilausschluss geahndet wird, ist das Rufen antisemitischer Parolen in den Augen der Richter des NOFV, seiner Spielbeobachter und seines Präsidiums scheinbar legitim. Den Skandal vom Babelsberg vs. Cottbus-Spiel vor Augen, bei dem das Nazi-Pack in der Urteilsbegründung gekonnt ignoriert wurde, entschied sich das Sportgericht wiederholt gegen das Ahnden der antisemitischen Entgleisungen, die auch beim Leipziger Derby im Herbst im Stadion stattfanden. Die »Türken, Zigeuner und Juden«-Rufe waren selbst in der MDR-Live-Übertragung deutlich zu hören. Die Ignoranz des Verbandes hat also durchaus Kalkül.

Der NOFV unterscheidet sich beim Thema nicht einmal marginal von der kleinen sächsischen Schwester, dem SFV. Dessen Präsident Hermann Winkler, immerhin auch NOFV-Präsidiumsmitglied, schmiss neulich eine Journalistin des Deutschlandfunks aus seinen Räumlichkeiten, als diese ihn nach der Präventionsarbeit in Sachen Antisemitismus in sächsischen Stadien befragte. Judenfeindlichkeit? »Haben wir hier bei uns nicht«, so lautet der sinngemäße und gängige Abwehrreflex der Funktionäre. Ob hier die vom Landessportbund und der Bundeszentrale für politische Bildung angebotene »Weiterbildung gegen antisemitische Stereotype« weiterhilft oder am Ende der von Woody Allen favorisierte Baseballschläger, müssen die Leser selbst entscheiden. »Irgendwann ist ja auch gut mit der Präventionsarbeit«.

Als Rechtshilfekollektiv unterstützen wir die BSG Chemie und Babelsberg 03 in ihren Berufungen und zivilrechtlichen Anstrengungen gegen die absurden Urteile und vor allem in der Kritik an den ideologisch verkrusteten Verbandsstrukturen. Die Sportgerichte als selbstgerechte Instanzen, die jenseits jeder Verhältnismäßigkeit, vor allem aber gegen wichtige partizipatorische Errungenschaften und Grundrechte agieren, gehören in ihrer jetzigen Form abgeschafft. Und wenn unter dem Label der »Verbandsautonomie« neben einem antidemokratisch-absurden Rechtsverständnis auch noch der Antisemitismus beständig relativiert wird, dann darf der Verband mitsamt seinen Personalien auch als solches in Frage gestellt werden.IMG_3145